Essay: Vorurteile

Mai 25, 2009

Das Leben ist voller Vorurteile, kein Mensch ist frei von ihnen. Kaum sieht man einen Menschen, bildet man sich seinen ersten Eindruck. Dies ist eigentlich ein Vorurteil, denn man kennt die Person gar nicht näher und man täuscht sich häufig. Andererseits beinhaltet diese erste Meinung über einen Menschen meistens ein Körnchen Wahrheit. Schließt man aus dem Äußeren einer Person, dass einem diese unsympathisch ist, kann sich zwar herausstellen, dass sie doch nett ist, das Erscheinungsbild wird man jedoch nie attraktiv finden. Alleine bei der Suche nach neuen Freunden spielen Vorurteile eine Rolle. Man spaziert durch die Welt, sieht sich um und versucht sich mit Menschen anzufreunden, von denen man aufgrund von eigenen Vorurteilen vermutet, dass man sich gut mit ihnen verstehen würde. Natürlich beweist oder widerlegt die daraus resultierende Freundschaft bzw. der Abbruch des Kontaktes, ob sich die Vermutung bewahrheitet. Somit können Vorurteile auch etwas Gutes sein.

Problematisch wird es erst, wenn man sich komplett von Vorurteilen einnehmen lässt, diese radikal vertritt oder gegen ganze Bevölkerungsgruppen richtet. Aus diesem Grund werden Vorurteile zumeist negativ abgestempelt. Der Mensch diskriminiert in seiner Überheblichkeit schnell alles, was anders ist oder anders denkt als er selbst. Mark Twain stellte treffend fest: „Wir lieben Menschen, die frisch heraus sagen, was sie denken, vorausgesetzt sie denken dasselbe wie wir.“ Der Mensch meint häufig, er müsse stets Recht haben und seine Meinung sei immer die richtige. Schnell artet dies, vor allem im Bezug auf die Politik, zu verallgemeinerten Vorurteilen aus, wie „alle Islamisten sind Terroristen“. Vorurteile werden außerdem schnell und ohne „Backgroundinformationen“ gebildet. Ansonsten wären es ja keine Vorurteile. Doch leider nehmen sie häufig überhand und die Person denkt gar nicht mehr daran, dass ihre Meinung nicht korrekt sein könnte, beziehungsweise informiert sich auch nicht, ob sie damit jemanden Unrecht tut.

Die Geschichte beweist, dass Vorurteile die Menschheit schon mehrmals ins Verderben gestürzt haben. Man denke nur an die Verfolgung der Christen in der Antike zurück, welche Jahrhunderte später wohl selbst ein Diplom im Vertreten von Vorurteilen verdient hätten, egal ob betreffend der Diskriminierung von Frauen, Inquisition oder Ablehnung gegenüber Homosexuellen. Genauso zieht der Holocaust seine grausame Spur durch die Geschichte. Immer und immer wieder werden Juden und Schwarze verfolgt, nur weil sich die 08/15-Gesellschaft ihnen aufgrund von Vorurteilen überlegen fühlt. Der Gipfel war Hitlers Philosophie. Eine Kombination aus Größenwahn und Selbsthass schürte wohl das Feuer für seine schrecklichen Pläne. Leider fanden bzw. finden sich immer wieder Anhänger dieser Strategien. Doch träumte auch zuvor schon so mancher Herrscher von einem einheitlichen Weltbild. Doch was wäre die Menschheit ohne ihre Individualität und Vielfalt? Ist es nicht das, was uns ausmacht? Dass jeder von uns selbst und anders denkt? Wenn wir alle gleich handeln würden, könnte man dies glatt als Instinkt bezeichnen? Was würde uns dann noch von Tieren unterscheiden, denen wir uns doch auch so überlegen fühlen?

Das nächste Problem mit Vorurteilen ist, dass sie ansteckend sind. Auch dafür lässt sich der Werdegang der NSDAP als Beispiel verwenden. Ein eher minder imposanter Mann bildet sich selbst ein Vorurteil und schafft es, dieses Tausenden von Menschen glaubhaft zu verkaufen. Damit meine ich nun nicht jene armen Seelen, denen diese Meinung in KZs oder durch die Angst vor dem Tod aufgezwungen wurde, sondern all jene, die sich freiwillig und voller Begeisterung anschlossen. Wie schafft es ein Vorurteil, sich so schnell zu verbreiten, und wie kommt es, dass die Widerlegung immer viel schwieriger ist? Es war für Martin Luther King um ein Vielfaches härter, Rechte für Schwarze zu erkämpfen, als für die Amerikaner, diese zu versklaven.

Da sich Vorurteile vom Anbeginn der Menschheit bis heute durch unsere Geschichte ziehen, werde sie uns wohl nie von der Seite weichen. Sie gehören zu uns Menschen und wir sollten endlich lernen damit umzugehen, und uns nicht immer wieder hinreißen und sie Überhand gewinnen lassen.

Es ist 6 Uhr morgens, der Wecker läutet. Man sollte aufstehen, das kuschelige Bett verlassen. Doch wofür? Wofür aufstehen? Wofür leben? Was gibt unserem Leben Inhalt? Aufstehen, zur Arbeit gehen, Geld verdienen und dann irgendetwas kaufen, in der Hoffnung, dass uns der Konsum glücklich macht?

Die heutige Welt wird immer mehr von Status und Wohlstand geprägt. Wer Geld hat, gibt es aus, um seiner Umwelt zu zeigen, was er hat. Wer wenig hat, versucht so zu tun, als hätte er viel. Es ist bedeutend, welches Auto man fährt und welche Kleidung man trägt, doch es ist egal, ob man seine Frau betrügt oder ob man Zeit für seine Kinder hat. Oberflächlichkeiten dominieren das Leben in einem Industriestaat.

Der österreichischen Gesellschaft geht es gut, wir haben genug zu essen, großteils ein Dach über dem Kopf, eine Demokratie, ein gutes Sozialsystem, etc. Wir können uns nicht beklagen. Trotzdem werden diese Dinge nicht geschätzt. Alles was zählt, sind Geld und Erfolg. Unternehmen streben nach immer größeren Gewinnen, Familienväter vernachlässigen ihre Familien, um mehr Zeit für ihre Arbeit zu haben und somit mehr zu verdienen. Der heutige Zeitgeist ist von Kapitalismus und Konsumsucht geprägt.

Um das schlechte Gewissen zu stillen, das irgendwann aufkommt, wenn man merkt, dass man immer nur kauft und kauft, während es Regionen auf der Welt gibt, in denen Menschen nichts haben, ist ein neuer Trend aufgetaucht, auf den man Wert legen kann: Fair-Trade. Man redet sich selbst ein, mit seinem Einkauf Gutes zu tun. Durch Konsum die Welt retten – eine bessere Marketing-Strategie gibt es fast nicht. Natürlich ist es besser, sich für Fair-Trade-Güter zu entscheiden, als Waren zu nehmen, für deren Produktion Bauern in Afrika ausgebeutet werden. Doch dieser Beitrag, um armen Menschen zu helfen, ist winzig klein, im Verhältnis zu dem großen Gefühl, etwas Gutes getan zu haben, das sich durch den Kauf in einem breit macht. Scheinheilig rechtfertigt man sich mit diesem „edlen Wert“, die Welt zu verbessern und die Umwelt zu schützen, während man doch in Wahrheit nur sein Gewissen beruhigt.

Aufgrund des allgemeinen Wohlstandes verlieren die „alten Werte“ an Bedeutung. Während Scheidungen früher ein Skandal waren, sind sie heute alltäglich. Vierzig und alleinstehend zu sein, wäre für eine Frau der Generation meiner Großeltern eine Katastrophe gewesen, man hätte sie als „hoffnungslosen Fall“ abgestempelt und bemitleidet. Heutzutage bezeichnet man sie als „emanzipierte Karrierefrau“ und schenkt ihr Anerkennung dafür, dass sie den Erfolg im Berufsleben einer Familie vorzieht.

Auch die Religion hat jegliche Bedeutung verloren, viele Menschen treten aus dem rein monetären Grund, dass sie die Kirchensteuer nicht mehr bezahlen wollen, aus. Den Österreichern geht es gut, die Religion wird nicht mehr benötigt. Wie man auch in der Geschichte der Literatur beobachten kann, ist der Glaube immer dann bedeutend, wenn es den Menschen schlecht geht. Er ist ein Hoffnungsschimmer, an dem sich das Volk festhalten kann, wenn alles bergab geht.

Um bei Vergleichen mit der Literaturgeschichte zu bleiben, blicke ich auf den Impressionismus, mit der Fin-de-Siecle-Stimmung und dem Nihilismus, zurück. Meiner Meinung nach kann man diese Inhalte beinahe eins zu eins auf die heutige Zeit auslegen. Die Fin-de-Siecle-Stimmung passt hervorragend zur momentanen Umwelt- und Wirtschaftssituation. Wir wissen, dass es so nicht weiter gehen kann, tun jedoch nichts.

Auch Kunst und Kultur verlieren immer mehr an Wert. Die breite Masse wird mit niveaulosem und angeblich unterhaltsamem Geplänkel von den Problemen der Welt abgelenkt. Sozialkritisches will der Großteil gar nicht sehen, lieber verschließt man die Augen und lässt sich von allerleichtester Kost berieseln. Die Kultur dient zwar der Unterhaltung der Menschen, hat jedoch heute kaum noch ernsthafte Hintergründe und wird auch nicht mehr geschätzt. Denn, dass man den Fernseher einschaltet und irgendeine Sendung läuft, ist das Selbstverständlichste der Welt.

Überhaupt sind die Medien voll mit Peinlichkeiten, die Menschen für Geld machen. Viele sind sich für nichts zu schade, bloß um ins Fernsehen zu kommen und Gagen zu kassieren. Hier erkennt man, dass, im Gegensatz zum Nihilismus in Zeiten von Arthur Schnitzler, auch der einzige verbliebene Wertbegriff des Impressionismus mittlerweile untergegangen ist: die Ehre.

Der Nihilismus des 21. Jahrhunderts bringt jedoch ein großes Problem mit sich. Da die Menschen, außer Erfolg und somit Geld, keine Werte mehr haben, gibt es nichts mehr, das sie glücklich macht. Denn es sind genau die Dinge, die man schätzt, die ausschlaggebend sind für das eigene Glück. Hier liegt auch der Schwachpunkt der Werte Geld und Erfolg. Sie können nicht glücklich machen. Zu schnell verliert man sich in Gier und Unersättlichkeit und verlernt zufrieden zu sein mit dem, was man hat.

Doch nicht alles hat sich zum Negativen gewandt. In den letzten Jahrzehnten hat sich ein Wert durchgesetzt, den ich als äußerst positiv betrachte: Die Bildung ist immer wichtiger geworden. Auch wenn viele nur studieren, um nachher einen besseren Job zu bekommen, mehr Geld zu verdienen und mehr konsumieren zu können, ist eine gute Ausbildung heutzutage nahezu unumgänglich.

Bildung ist ein Punkt, der auch in meinen persönlichen Werten sehr stark verankert ist. Weiters hoffe ich, dass ich es immer schaffen werde, den Rückhalt und die Geborgenheit, die Familie und Freundeskreis geben, zu schätzen. Natürlich strebe auch ich nach Erfolg und Wohlstand, schließlich bin ich genauso ein Bestandteil der heutigen Gesellschaft.

Elfchen

April 29, 2009

Im Rahmen des Deutsch-Unterrichts haben wir auch sogenannte „Elfchen“ selbst geschrieben:

Konfrontation
denke nach
schalt es ein
dein faules, unbenütztes Gehirn
Verstand

Freiheit
kämpfe darum
ein wertvolles Gut
zu leicht zu verlieren
Leben

Leben
besteht aus
Höhen und Tiefen
doch das macht’s aus
Lebenswert

Schmerzen
spüre dich
gehören auch dazu
so ist das Leben
eben

Der Roman erzählt von Leichtigkeit und Schwere, von Liebe und Untreue, von unserem Sein und der Tragweite unserer Handlungen. Die wechselhafte Geschichte zweier ungleicher Liebespaare bildet den Rahmen. Das sind der Chirurg Tomas und die Serviererin Teresa. Tomas ist eine Kombination aus Don Juan und Tristan. Sex ist für ihn ein Spiel oder eine Frage des Prestiges ohne emotionale oder moralische Verpflichtung. Bei der ersten Begegnung mit Teresa wird Tomas von einem Gefühl der Verantwortung, des Mitgefühls und der Zärtlichkeit ergriffen, das er bisher nicht kannte und das eine Wende in seinem Leben herbeiführt. Teresa liebt Tomas ohne Vorbehalte, leidet aber unter seinen Seitensprüngen. Aus Sorge um das Schicksal ihrer Liebe hat sie Angstträume. Gerade in Teresas Schwäche, in ihrer Verletzlichkeit, liegt jedoch auch ihre Stärke. Als Tomas auch in der Schweiz, wohin sie nach dem Prager Frühling ausgewandert sind, seine Seitensprünge nicht aufgibt, beschließt sie, nach Prag zurückzukehren. Tomas folgt ihr, obwohl er sich bewusst ist, dass er aufgrund einer früheren politischen Veröffentlichung seine berufliche Existenz riskiert. Unter dem Druck der „Normalisierung“ muss er seine Stelle als Chirurg aufgeben und wird Fensterputzer, was allerdings seine erotischen Aktivitäten massiv steigert.

Schließlich ziehen die beiden aufs Land, wo Tomas und Teresa eine Arbeit bei einer heruntergekommenen landwirtschaftlichen Genossenschaft bekommen. Nun ist Teresa, vor allem in Gesellschaft ihres treuen Hundes Karenin viel ausgeglichener. Sie vermutet jedoch, dass Tomas sie nach wie vor durch heimliche Liebesbriefe betrügt, was bohrende Verdächtigungen in ihre Beziehung bringt. Als Tomas Teresa offenbart, dass die Briefe von seinem Sohn kommen, erkennt Teresa, dass sie ihm unrecht getan hat. In diesem Moment des Ausgleichs, in dem sie erkennen, dass der eine nicht stärker ist als der andere, kommen beide durch einen Autounfall ums Leben.

Anders entwickelt Kundera die Geschichte von Sabina und Franz, dem zweiten Liebespaar. Hier ist Sabina der stärkere Pol der Beziehung. Ihr Verhältnis ist von Unverständnis geprägt: Für Sabina haben die Wörter, die Franz gebraucht eine andere Bedeutung als für ihn. Im Roman erstellt Kundera ein Verzeichnis der unverstandenen Wörter: Das erste Wort des Verzeichnisses, „Frau“, erhellt die Beziehung zwischen Franz und Sabina. Die unterschiedliche Kindheit der beiden, die ganz anders geartete Umgebung, in der sie aufgewachsen sind, verleihen identischen sprachlichen Ausdrücken einen unterschiedlichen Sinn. Die Liebe zur vom Ehemann verlassenen Mutter hat Franz’ Beziehung zur Frau geprägt, denen er vor allem Mitgefühl, Verehrung und Treue entgegenbringt. Für Sabina hingegen war die Liebe der Fluchtweg aus einer Welt der Pflichten, einer Welt, in der den Menschen sogar Geschmack, Freude und Glück aufgezwungen werden sollten.

Kundera versucht, mit diesem Roman zwischen dem Leichten und dem Schweren zu unterscheiden. Die Leichtigkeit unserer Existenz wird damit aufgehoben und ins Schwere gedreht indem die Unwiderrufbarkeit einer Entscheidung oder Handlung auf uns lastet wie eine unendlich schwere Last. Er wirft die Frage auf, ob wir, wenn wir auf einem fernen Planeten wiedergeboren werden würden und all die Erfahrung aus unserer Welt hätten, genau so gut oder gar besser handeln würden. Kundera zweifelt diesen Sachverhalt an, überlässt dem Leser jedoch selbst seine persönliche Entscheidung darüber.

In meinem Leben habe ich noch kaum einen Roman gelesen, der mich so sehr fasziniert hat. „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ wäre für mich die einzig denkbare Antwort auf die Frage, was mein Lieblingsbuch sei. Kunderas Gedankengänge bezüglich der Unwiderrufbarkeit unserer Handlungen und der von Missverständnissen geprägten Kommunikation, schaffen es immer wieder meine Begeisterung hervorzurufen. Jedesmal wenn ich die „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ zur Hand nehme, freue ich mich darauf, dass Buch neu zu entdecken.

Überhaupt ist Milan Kundera zu einem meiner Lieblingsautoren geworden. Knapp vor Wolf Haas und Ian McEwan erhält er von mir den ersten Platz in meinem persönlichen Ranking. Mittlerweile habe ich mehrere Romane von ihm gelesen, gefallen hat mir noch jeder, doch „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ ist in meinen Augen sein Meisterwerk.

Buchauszug S. 212:
Die Personen meines Romans sind meine eigenen Möglichkeiten, die sich nicht verwirklicht haben. Deshalb habe ich sie alle gleich gern, deshalb machen sie mir alle die gleiche Angst. Jede von ihnen hat eine Grenze überschritten, der ich selbst ausgewichen bin. Gerade diese unüberschrittene Grenze (die Grenze, jenseits derer mein Ich endet) zieht mich an. Erst dahinter beginnt das große Geheimnis, nach dem der Roman fragt. Ein Roman ist nicht die Beichte eines Autors, sondern die Erforschung dessen, was das menschliche Leben bedeutet in der Falle, zu der die Welt geworden ist.

Revanche

April 24, 2009

ein Film von Götz Spielmann

Synopsis:

Eine Landschaft im späten Sommer. Ein Teich mitten im Wald. Keine Menschen, Stille.

In der Nähe ein neugebautes Haus, ein Ehepaar lebt darin. Robert und Susanne. Ein alltägliches Leben, so wie bei vielen anderen auch.

Wien, zur selben Zeit. Nächte, Rotlicht, die Welt der Prostitution. Alles hier ist dem Geld, dem Geschäft untergeordnet. Die meisten können mit ihrer Arbeit gerade überleben. Wie Alex und Tamara. Sie eine Prostituierte aus der Ukraine, er der Handlanger vom Chef. Ein Liebespaar, heimlich. Die Gesetze des Milieus verbieten Liebe zwischen Angestellten.

Sie wollen weg aus diesem Leben, dazu braucht es Geld. Alex fasst den Plan, eine Bank zu überfallen, in einer kleinen Stadt am Land. Tamara will dabei sein, er lässt sich überreden. Alles scheint nach Plan zu laufen, doch ein Polizist kommt zufällig dazu: Robert. Er schießt dem flüchtenden Wagen nach und trifft die junge Frau. Tamara stirbt.

Verzweifelt lässt Alex sie zurück, an einer Lichtung im Wald.

Er taucht bei seinem alten Großvater unter, der lebt dort am Waldrand auf einem kargen Bauernhof. Schweigsam und verschlossen macht Alex sich an die Arbeit, ihm das Holz für den Winter zu machen. Was ihn dabei nie verlässt: sein Schmerz, seine Trauer und der Hass auf den, der Schuld trägt an Tamaras Tod.

Ein Teich im Wald ist Roberts Rückzugsort. Dort versucht er das, was geschehen ist, zu begreifen. Alex observiert den Polizisten, spioniert ihm nach, folgt seinen Wegen. Und er lernt Susanne, die Frau des Polizisten, kennen.

Das Leben von ihnen allen wird sich durch Tamaras Tod verändern, radikaler als sie ahnen. Und es wird Herbst, wie jedes Jahr.

Quelle: http://www.revanche.at/SYNOPSIS.92.0.html (24.04.2009)

Reflexion:

In „Revanche“ sind mir einige Merkmale aufgefallen, die ich in letzter Zeit auch schon in anderen österreichischen Filmen beobachtet habe:

Eine gewisse Schwere,
die einen durch den ganzen Film begleitet. Revanche fällt definitiv nicht unter die Kategorie „leichte Kost“. Ganz im Gegenteil der Film soll zum Nachdenken anregen.

Ein Inhalt,
der anders ist, als das was man bisher gesehen hat. Besonders beeindruckend am österreichischen Film, finde ich, sind die immer neuen Handlungen. Während man bei den meisten Hollywood-Epen das Ende schon nach den ersten 5 Minuten voraussagen kann, schaffen es die österreichischen Werke noch zu überraschen.

Beschönigung ist wohl ein Fremdwort für den Regisseur,
dadurch gewinnt der Film jedoch an Authentizität. Das Leben wird so abgelichtet wie es ist. Und wenn etwas abstoßend erscheint, wird erst recht die Kamera darauf gehalten.

Hervorragende Schauspieler,
die auch nötig sind um die komplexen Rollen darzustellen. Man hat jedoch immer das Gefühl, dass sie normale Menschen wie du und ich sind. Ganz im Gegensatz zu all den retuschierten Puppen, die uns meist im Mainstreet-Kino präsentiert werden. Die Hauptdarsteller in Revanche imponieren nicht durch ihre perfekten Körper, sondern durch Sympathie und Ausdruckskraft. Weiters ist die Kleindung eindeutig nur Mittel zum Zweck (auch wenn diese den Darstellern manchmal nicht allzu schmeichelt) und nicht dazu da um neue Trends zu setzten.

Komplexe Kamera- und Schnitttechniken,
die es nicht immer ganz leicht machen der Handlung zu folgen. Dadurch gewinnt der Film jedoch in meinen Augen an Spannung, da er zum Mitdenken anregt.

Alles in allem kann ich sagen, dass ich diese Punkte sehr schätze, denn sie heben die österreichischen Filme von der breiten Masse ab. Leider ist er dadurch auch weniger für sie zugänglich. Großteils laufen die Filme nur in Programmkinos und nur sehr selten im Hauptabendprogramm. DVDs waren für lange Zeit im normalen Handel so gut wie nicht auffindbar. Diese Situation hat sich jedoch zum Positiven verändert, seitdem die Künstler-Argentur Hoanzl gemeinsam mit dem Standard eine „Österreichische Filmkollektion“ herausgebracht hat. Überhaupt ist ein Aufschwung zu erkennen seit dem „Die Fälscher“ den Oscar gewonnen haben und „Revanche“ nominiert wurde.

SOS Musikland Österreich

Kampf ums Überleben

Österreichs Musikszene erlebt derzeit eine erstaunliche kreative Blüte. Wirtschaftlich kämpft sie ums Überleben. Die Initiative SOS-Musikland bemüht sich um Rettung. Dazu müsste nur endlich auch das Radio mitspielen.

Soap&Skin. Clara Luzia. Christina Stürmer. Son Of The Velvet Rat. Kreisky. Tosca. Mondscheiner. Laokoongruppe. Der Schwimmer. Waxolutionists. One, Two, Three Cheers And A Tiger. Freud. Excuse Me Moses. Eine bunt zusammengewürfelte Mischung von heimischen Künstlern, die in den letzten paar Monaten mit neuen Alben hervorgetreten sind. Und das ist nur die Spitze des Eisbergs an österreichischen Produktionen von qualitativ hochwertiger Popmusik, die es verdient hätten, von vielen gehört zu werden. Teilweise passiert es ja auch. Christina Stürmers Musik findet nach wie vor reißenden Absatz und wird auch im Radio gern und oft gespielt, denn die Starmania-Entdeckung ist ein etablierter Name und ein Garant für gefällige Lieder. Die wundersame Schmerzenssängerin Soap&Skin startet mit ihrem Debütalbum gerade international durch, um ihre Karriere muss man sich wohl ebenso wenig Sorgen machen. Aber der Rest? Bekommt vielleicht ausgezeichnete Kritiken sowie ein wenig Airplay im staatlichen Jugend- und Alternativsender FM4 und tourt emsig durchs Land. Leider wird so aber nur ein sehr kleiner Anteil der Österreicher – nämlich die von Haus aus bereits überdurchschnittlich stark an Musik Interessierten – von ihnen hören.

Da herrscht ein seltsamer Gegensatz, der zuletzt immer extremer wurde. Auf der einen Seite erlebt die heimische Musikszene derzeit eine kreative Blüte, wie man sie bis vor kurzem kaum für möglich gehalten hätte. Die Künstler bestechen durch Eigenständigkeit und haben mit ihren Produktionen zu internationalen Standards aufgeschlossen. Andererseits bleiben für sie die Türen zu Österreichs meistgehörtem Radiosender fest verschlossen. Christina Stürmer bringt die Problematik im now!-Interview auf den Punkt: „In Österreich gibt es nur Ö3 und dann, wenn man ehrlich ist, nichts mehr. Das macht es sehr schwierig.“ Wer kommerziell Erfolg haben will, der muss darauf bedacht sein, dass seine Single im Hitradio läuft. Allerdings ist es seit Jahren ein offenes Geheimnis, dass österreichische Musik hier sehr schlechte Karten hat. Nachdem Ö3 Mitte der 1990er-Jahre zum Formatradio umgebaut wurde, findet neben Robbie Williams, James Blunt und Pink kaum ein österreichischer Act den Weg in die Heavy Rotation. Dass nicht mehr jeder Alt-Austropopper aufgrund seiner historischen Verdienste automatisch seine neue Platte gespielt bekommt, ist da nicht das große Problem. Viel schwerer wiegt, dass jetzt ihre Laufbahn startende Musiker, neue ambitionierte Talente kaum Chancen auf den Durchbruch haben. Falco-Weggefährte Thomas Rabitsch glaubt sogar: „Falco hätte heute keine Chance, im ,Hitradio’ gespielt zu werden: Zu ,abgehoben’, ,schwierig’, unberechenbar, zu wenig angepasst für’s brave Format. Ö3 postuliert: Wir spielen die Hits! Besser wäre die Ansage: Wir machen die Hits!“ Der Künstler André Heller drückt es positiver aus, meint freilich dasselbe: „Es gibt jenseits des so genannten Austropop so viel an exzellenter österreichischer Musik unterschiedlichster Nuancen, dass es jedem Sender und seinen Hörern ein Vergnügen sein müsste, sie zu spielen und zu hören.“ Tatsache ist: Das passiert viel zu selten. Immerhin gesteht Ö3-Chef Georg Spatt in einem Statement Versäumnisse ein: „Dass Ö3 und die Vertreter der Musikbranche einander in den letzten Jahren aus den Augen verloren haben, ist schade und schlecht für Ö3.“

SOS-Musikland lautet der Name der Initiative, die es geschafft hat, dass über die prekäre Lage der Musiknation öffentlich geredet wird. Dahinter verbirgt sich eine freie Plattform der Musikschaffenden- und Musikproduzentenverbände Österreichs. Auf deren Website www.sos-musikland.at wurden bereits mehr als 10.000 Unterstützungserklärungen abgegeben. Und seit einer parlamentarischen Enquete im vergangenen Juni zwischen SOS-Musikland und dem ORF wurde über eine „Charta der österreichischen Musik“ verhandelt. Sie sollte eine freiwillige Steigerung des Anteils von Musik aus Österreich in den Radioprogrammen des ORF vorsehen. Im Jahr 2007 lag dieser Anteil bei mageren 15,2 Prozent – damit ist Österreich im europäischen Vergleich Schlusslicht. Für Unverständnis, Ungeduld und Unmut bei den Musikschaffenden sorgt nun, dass die Verhandlungen von Seiten des ORF „plötzlich und ohne ersichtlichen Grund unterbrochen wurden“, wie Hannes Eder, Präsident IFPI Österreich und Chef von Universal Music Austria, bei einer Pressekonferenz von SOS-Musikland mitteilte. Vorerst ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk lediglich dazu bereit, den bislang bestehenden Anteil an heimischen Künstlern und Produktionen um fünf Prozent anzuheben. Peter Paul Skrepek von der Musikergilde wies bei der Pressekonferenz darauf hin, dass das für Ö3 umgerechnet weniger als einen Musiktitel österreichischen Ursprungs pro Tag mehr bedeuten würde. Und es muss auch keineswegs ein neuer Titel sein, genauso gut kann man „Out Of The Dark“ von Falco oder einen anderen bestens eingeführten Song einmal mehr durch den Äther schicken. So betrachtet, scheint die Debatte über mehr Airplay für heimische Musik, ja die für viele Musiker existenzbedrohende Situation bei den Radiomachern bislang noch nicht richtig angekommen zu sein. Musiknation, ade?

Angesichts dieser Lage beginnen selbst jene, die lange Zeit Gegnein-ausland-2007-96dpir einer Quotenregelung für Produktionen aus dem Inland waren, langsam Gefallen an diesem System zu finden. So meint der Liedermacher Ernst Molden: „Generell widerstrebt mir, Medien etwas vorzuschreiben. Aber dass die ORF-Radios sich nicht aus dem Pool erstklassiger Musik bedienen, die hierzulande in den vergangenen Jahren zusammengekommen ist, ist in einer Weise ignorant, die an Selbstbeschädigung grenzt.“ Und seine Kollegin Clara Luzia sagt: „Mir geht es nicht um Patriotismus oder die Aufwertung eines Nationalgefühls. Es muss egal sein, woher Musik kommt, wichtig ist nur, dass sie kommt. Und aus Österreich kommt viel. Aber ohne Publikum verpufft hier viele kreative Energie im Nirgendwo.“ Genau. Es muss darum gehen, das vorhandene Potenzial der Künstler endlich zu erkennen und zu fördern, anstatt sie weiter auszubluten. Momentan herrscht unter Musikern noch eine in kreativer Hinsicht vielleicht gar nicht so schlechte „Jetzt erst recht“-Stimmung. Viele sagen sich: Das angespannte wirtschaftliche und mediale Umfeld der Musikbranche können wir nicht ändern, also konzentrieren wir uns umso stärker auf unsere Musik. Wenn aber nur ein verschwindend geringer Anteil der aktiven Künstler und Interpreten von seiner Musik leben kann, hat die Szene auf Sicht ein Problem. Irgendwann setzen die Leute auf Sicherheit und verschwinden in ihren Tagesjobs, die Band wird nur mehr als Hobby weiterbetrieben. Österreichische Musik braucht also dringend eine Aufwertung in der öffentlichen Wahrnehmung. Und das gelingt bei Musik nun mal am ehesten übers Radio. Die Quote ist sicher ein Mittel dafür, wenn auch kein Allheilmittel. Die Diskussion darf sich nicht nur um den Österreicher-Aspekt allein drehen, es muss auch viel mehr über Qualität gesprochen werden. Musik sollte nicht allein deshalb im Radio laufen, weil sie aus Österreich kommt – sondern weil sie von hier kommt und verdammt gut klingt.

Alle Infos zu SOS Musikland: www.sos-musikland.at

Artikel von:
now-on 14.04.2009
Von: Sebastian Fasthuber
http://www.now-on.at/magazin.artikel.php?artikel=3392


Da ich ein großer Fan von österreichischer Musik bin, kann ich die Forderungen, die oben im Artikel gestellt werden nur unterstützen. Es gibt kaum österreichische Musiker, die davon leben können. Selbst etablierte Bands wie „Texta“ aus Linz, die nun mittlerweile schon 16 Jahre im Geschäft sind, können ihren Lebensunterhalt nicht alleine mit Musik verdienen. Ö3 spielt doch tagein-tagaus die selben Lieder, da wär doch wirklich genug Platz für talentierten qualitative Musik aus Österreich.

Doch der Radiosender hat sehr wohl mitbekommen, dass es ein besseres Bild macht, wenn man auch ein bisschen heimische Musik spielt. Nach dem Christina-Stürmer-Hype führte er den Ö3-Bandcontest ein, bei dem sich österreichische Musiker bewerben können. Die stets kommerz-tugliche Gewinner-Single wird dann in das Archiv aufgenommen und so lange auf und ab gespielt, bis man sie nicht mehr hören kann. Weiters hat Ö3 die sogenannten „neuen Österreicher“ ins Programm aufgenommen. Darunter fallen einerseits jene Gewinner der Bandconteste, sowie eine Hand voll relativ neuer Bands und Musiker, die anscheinend Ö3-tauglich sind.

Wirklich amüsiert habe ich mich, als ich letztens an einem Freitagabend beim Autofahren Ö3 gehorcht habe. Zu später Stunde spielt der Radiosendung hin und wieder auch für ihn eher untypische Musik. Verwunderung und Freude breiteten sich in mir aus, als meine Ohren die neue Single einer Band erkannten, die bereits seit Jahren im österreichischen Untergrund brilliert. Als am Ende des Liedes der Moderator den Titel und den Interpret verkündete und die Band als „neue Österreicher“ bezeichnete, konnte ich mir das Lachen kaum mehr verkneifen.

Ähnlich ergeht es momentan dem österreichischen Film. Seit dem Oscargewinn und der erneuten Nominierung, wird er hochgelobt und als neuartig und innovativ bezeichnet. Dass unsere Independent-Filmbranche bereits seit Jahren floriert und wir sowohl von Seiten der Regisseure, als auch von Seiten der Schauspieler, einiges vorweisen können, erkannte die österreichische Medienwelt anscheinend erst, nachdem ihnen die kleine Goldfigur einen Tritt in den Hintern verpasst hat. Trotzdem spielt der ORF österreichische Filme immer nur zu Zeiten, an denen jeder Mensch mit einem normalem Schlafrythmus längst im Bett liegt. Der wöchentliche Film am „Kulturmontag“ läuft nicht etwa um 20.15, ganz im Gegenteil er beginnt erst gegen Mitternacht. Denn das Hauptabendprogramm ist für Serien wie der „Millionenshow“ oder „C.S.I Miami“ am ORF 1 reserviert, die Montag für Montag im gleichen Trott verlaufen. Das positive am eintönigen Fernseheprogramm ist, dass man das Gerät immer häufiger gar nicht erst einschaltet und lieber ein Buch zur Hand nimmt. Womöglich sogar eines von einem Österreichsichem Autor.

Summasummarum stelle ich fest dass in den letzen Jahren die einheimische Film- und Musikkultur stark vernachlässigt wurde. Man kann nur hoffen, dass die Erkenntnis, dass Österreich doch talentierte Künstler vorzubringen hat, in den Köpfen der Menschen hängen bleibt und die Medien in der Unterstützung heimischer Talente eine neue Aufgabe finden.

Hier eine Vielzahl von Links zu den Hompages etablierter österreichischer Musiker:
http://www.myspace.com/claraluzia
http://www.myspace.com/textacrew
http://www.myspace.com/russkaja
http://www.myspace.com/soapandskin
http://www.myspace.com/sonofthevelvetrat
http://www.myspace.com/kreisky
http://www.myspace.com/heinzauswien
http://www.myspace.com/krautschaedl
http://www.myspace.com/3feetsmaller
http://www.myspace.com/mononikitaman
http://www.myspace.com/iriepathie
http://www.myspace.com/nakedlunchmusic
http://www.myspace.com/fbska
und und und…

Die großen Drei

März 25, 2009

Zu den großen österreichischen Klassikern nach 1945 zählt man

Elfriede Jelinek

Thomas Bernhard und

Peter Handke.

Aufgrund meines Interesses für österreichische Literatur, habe ich von jedem dieser Autoren mindestens ein Werk gelesen. Unter anderem las ich Jelineks „Die Klavierspielerin“, Handkes „Wunschloses Unglück“ und Bernhards „Ein Kind“. Jeder dieser Romane hat autobiografische Hintergründe. Vergleicht man die drei Werke miteinander, stellt man schnell eine Gemeinsamkeit der Autoren fest: Alle drei verarbeiten die Beziehung zu ihren Müttern durch die Schriftstellerei. Vor allem Elfriede Jelinek und Thomas Bernhard haben einen regelrechten „Mutterkomplex“. Unter „Mutterkomplex“ verstehe ich, dass die Autoren durch ihren Romanen gewissermaßen mit ihren Müttern „abrechnen“. Jelinek und Bernhard arbeiten ihre traumatische Kindheit und ihr problematisches Verhältnis zu ihren Müttern durch das Schreiben auf.

Elfriede Jelinek litt unter ihrer dominanten Mutter. Beim Lesen der „Klavierspielerin“ kommt man schnell zu dem Schluss, dass die Komplexe der Hauptperson auf die strenge Erziehung ihrer Mutter zurückzuführen ist, die ihr vor allem in ihrer Jugend keinerlei Freiräume gewährte.

Thomas Bernhard arbeitet mit „Ein Kind“ seine eigene Kindheit auf. Als unehelicher Sohn bekam er von seiner Mutter regelmäßig Sätze wie „Du hast mir gerade noch gefehlt“ an den Kopf geworfen. Verbale Angriffe dieser Art waren es, die ihn am meisten verletzten, im Gegensatz zu den Schlägen, die er häufig als Bestrafung einstecken musste.

Auch Peter Handke erzählt in „Wunschloses Unglück“ das Leben seiner Mutter, dass mit ihrem Suizid endete. Im Gegensatz zu den anderen beiden Autoren dient sein Roman nicht der Abrechnung. Er verarbeitet den Verlust seiner Mutter, beschreibt seine eigenen Emotionen nach ihrem Tod und erzählt ihr Leben respektvoll sowie mit einem Hauch von Bewunderung.

Generell findet man solche „Mutterkomplexe“ häufig in der Literatur. Ein weiteres Beispiel aus Österreich ist Anna Mitgutschs „Die Züchtigung“. Der ebenfalls autobiografische Roman handelt von einer Spirale der Gewalt, die sich über mehrere Generationen in einer Familie entwickelt. Die Großmutter schlug die Mutter, diese schlägt wiederum ihre Tochter. Jede der Frauen schwört sich, nie wie ihre Mutter zu werden und findet sich doch irgendwann in einer Situation wieder, in der sie körperliche Züchtigung als einzigen Ausweg sieht.

Blickt man ins Ausland findet man mit dem Franzosen Michel Houllebecq einen weiteren Autor, der die Beziehung zu seiner Mutter aufarbeitet. Mit „Elementarteilchen“ schrieb er wohl einen der traurigsten Romane überhaupt. Er schildert das Leben zweier Brüder, die nicht fähig sind zu lieben, da sie selbst in ihrer Kindheit niemals Liebe empfangen haben. Beide Söhne gab die Mutter kurz nach der Geburt weg, der eine wächst bei seinem Vater auf, der andere bei seinen Großeltern. Dass die Mutter sie vernachlässigt hat, prägt das ganze Leben der beiden Brüder, sie schaffen es niemals Liebe zu finden, geschweige denn glücklich zu werden.

Im Grunde enthalten all diese Roman (außer Handkes „Wunschloses Unglück“) dieselbe Botschaft: „Mama, du bist schuld an meinem Unglück.“ In Houllebecqs Fall sah sich seine Mutter durch den Roman so sehr persönlich angegriffen, dass sie wiederum, quasi als Revanche, ein Buch über ihren Sohn schrieb.

Da eine Vielzahl an Autoren von „Mutterkomplexen“ geprägt ist, scheint eine schwere Kindheit die perfekte Basis zu sein, um erfolgreicher Schriftsteller zu werden.

Eine weitere Gemeinsamkeit der drei bedeutendsten österreichischen Autoren nach 1945 ist ihre Unbeliebtheit im eigenen Land. Zwar werden sie von Kritikern geliebt und hochgelobt, doch kenn ich niemanden, der sagt er genieße es „einen Jelinek“ zu lesen. Doch die fehlende Sympathie des Großteils der Österreicher für die Autoren beruht auf Gegenseitigkeit. Jelinek lässt ihre Stücke in Deutschland uraufführen, Handke lehnt jegliche Preise und Auszeichnungen ab und macht sich durch seine Serbien-Sympathie Feinde. Thomas Bernhard drückt in seinen Texten immer wieder seine Abneigung gegenüber Österreich aus und vermachte testamentarisch ein Aufführungs- und Publikationsverbot all seiner Werke in seinem Heimatland.

Nun frage ich mich warum ausgerechnet die drei unbeliebtesten gleichzeitig die drei gegenwärtig bedeutendsten Autoren sind. Ich persönlich würde sowohl Handkes „Wunschloses Unglück“ als auch Bernhards „Ein Kind“ als „gut“ bezeichnen. Beide Romane fand ich interessant und gefielen mir auch. Markant ist dass beide Bücher wohl nicht einen optimistischen Satz enthalten, was ich jedoch nicht als störend empfinde. Ich kann es jedoch nachvollziehen, dass viele Menschen weniger pessimistische Romane vorziehen, immerhin soll Lesen doch Unterhaltung sein.

Weniger gut kann ich mich mit Elfriede Jelinek anfreunden. Klar grenzt sie sich durch ihren beißenden Männerhass, ihre Gewaltfantasien und diversen sexuellen Inhalten von ihren Zeitgenossen ab. Vielleicht hab ich einfach die „falschen“ Romane von ihr gelesen, doch ich kann es weder verstehen, wie einem „Die Klavierspielerin“ „gefallen“ kann (egal ob das Buch oder Hanekes Verfilmung), noch wie man auf die Idee gekommen ist, ihr den Nobelpreis zu verleihen. Grundsätzlich schätze ich die österreichische Literatur sehr, doch bei Jelinek hört sich für mich der (Lese-)Spaß auf.

Ein weiterer österreichischer Krimi-Klassiker ist

Thomas Glavinics „Der Kameramörder“

 

Doch kann man „den Kameramörder“ wirklich einfach so in die Schulblade der Krimis stecken? Der Roman enthält zwar die wichtigsten Essenzen für einen Kriminalroman, also einen Mord und die Aufklärung von diesem am Ende des Buches.

In meinen Augen geht es im Kameramörder aber weniger um den Mord, als um die „Mords-Story“ die dahinter steckt. Das Buch befasst sich eigentlich mit der aktuell herrschenden Mediengeilheit. Anhand von zwei Pärchen die das Osterwochenende zusammen verbringen, hält einem Glavinic die Sensations-Lust der Menschen vor Augen. Die Vier verfolgen, einerseits voller Abscheu, andererseits jedoch voller Faszination, die Medienberichterstattung über einen grausamen Doppelmord. Die Medien zerpflücken den Vorfall bis in jedes Detail. Der Mord wurde vom Täter mit einer Videokamera aufgezeichnet, die er an den Rundfunk weitergibt. Die Skandalgier gipfelt darin, dass die gefilmte Tat ausgestrahlt wird und Topquoten erzielt. Von morbider Faszination getrieben kleben die beiden Paare vor der Mattscheibe, die Männer können sich gar nicht losreißen und durchforsten stündlich den Teletext nach neuen Informationen. Die Frauen reagieren schockiert, trotzdem können sie sich dem Bann des Verbrechens nicht entziehen. Als Leser fühlt man sich selbst des Voyeurismus überführt, einerseits verschlingt man die spannende Handlung voller Gier, andererseits wird einem mit jeder Seite bewusster, dass man sich in seiner Neugierde unmoralisch verhält.

Das Buch wurde im Jahr 2001 veröffentlicht, ist meiner Meinung nach jedoch heute aktueller den je. Genau die im Roman beschriebene Mediengeilheit ist es, die nun reale Verbrechen, wie die Fälle Kampusch und Fritzl mit sich brachten. Tageszeitungen überschlugen sich darin, wer die genaueste  Berichterstattung vorheucheln kann und wer die schmutzigsten Details veröffentlicht. Nicht nur Österreich sondern die ganze Welt verfolgte beide Fälle mit größter Sensationslust.

Eine weitere Besonderheit des Romans ist der protokollartige Schreibstil. Kritiker loben ihn, viele Leser hassen ihn (gerade dieser Stil ist es, der einen selbst als skandallüstiger Voyeur ankreidet), ich fand ihn angebracht. In meinen Augen gestaltet sich der ganze Roman als niedergeschriebenes Geständnis des Täters. Da ich diese Vermutung von Anfang an hegte, war für mich auch das Ende wenig überraschend, was dem Roman jedoch nichts an seiner Spannung nahm.

 

 

 

 

Wolf Haas

März 22, 2009

Jetzt ist schon wieder was passiert.

Mit diesem Satz beginnen die meisten von Wolf Haas’ Krimis rund um den Detektiv Brenner. Der Brenner ist ein ehemaliger Polizist, der mal da und mal dort in Österreich lebt. Eigentlich ist er ein bisschen ein Unsympath. Ein etwas eigenwilliger, sturer Mensch. Aber zäh und geduldig ist er, und über viele Abschweifungen kommt er zum Schluss doch immer drauf, wer jetzt der Mörder war.

Wolf Haas’ Brenner Romane haben einen sehr eigenwilligen  Schreibstil. Ich vermute er will damit den österreichischen Dialekt zum Ausdruck bringen. Die Romane werden in der Ich-Form von Simon Brenner erzählt, welcher keinerlei Probleme mit Grammatikfehlern hat oder damit den Leser direkt anzusprechen. Doch gerade diese untypische Schreibart, die man ein bisschen als Revolution gegen den Duden sehen könnte, ist mir sympathisch.

Ich würde sagen die 6 Brenner-Romane sind keine 0/8/15-Krimis und das ist auch gut so. Somit sind sie zwar nicht jedermanns Sache, doch es hat sich eine beachtlich große Fangemeinde gefunden.

Obwohl Haas seine Romane zunächst als unverfilmbar bezeichnete, wirkte er doch bei der Realisierung von „Komm, süßer Tod“ und „Silentium!“ entscheidend mit. Gemeinsam mit dem Kabarettisten Josef Hader, welcher im Film Simon Brenner darstellt, schrieb er die Drehbücher. Außerdem taucht er in beiden Filmen persönlich in winzigen Nebenrollen auf.

Beim Ansehen der beiden Verfilmungen ist auf alle Fälle Aufmerksamkeit gefragt, um die Handlungsstränge und vor allem die Sprache zu verstehen. Für uns Österreicher ist der Dialekt zwar kein Problem, doch in weiten Teilen Deutschlands liefen die Filme mit hochdeutschen Untertiteln.

Im März 2009 kam die dritte Verfilmung „Der Knochenmann“ in die Österreichischen Kinos. Der Film wurde als „bisher beste Haas-Verfilmung“ hochgejubelt und hatte seine Prämiere im Zuge der Berlinale. Weiters wurden die Hauptdarsteller Birgit Minichmayr und Josef Hader mit jeweils mit einem Diagonale-Preis geehrt. Robert Murnbergers Werk hat viele Blicke auf sich gezogen und es geschafft einer der erfolgreichsten österreichischen Filme der letzten Jahre zu werden. Die Medienpräsenz ist höher als bei den zwei vorherigen Verfilmungen und die Kritiker überschlagen sich beinahe vor lauter Lob. Persönlich finde ich den Film großartig, ich könnte mich jedoch nicht entscheiden, welcher der drei Brenner-Verfilmungen mir am liebsten ist.

Auffallend sind im „Knochenmann“ der typische schwarze Humor und die hervorragende schauspielerische Leistungen der drei Hauptdarsteller: Josef Hader, Birgit Minichmayr und Josef Bierbichler. Alle drei sind meiner Meinung nach Idealbesetzungen, passendere Schauspieler gäbe es nicht. Das Drehbuch, das auch diesmal von Wolf Haas und Josef Hader gemeinsam geschrieben wurde, enthält jede Menge Szenen, die den ganzen Kinosaal zum Lachen brachten. Doch in das Genre der Komödien kann man diesen Film sicher nicht einordnen. Parallel zu einer Vielzahl von unterhaltsamen Gags enthält der Film Szenen, die man sonst eher in Horrorfilmen zu sehen bekommen würde.

Als nächstes ist eine Verfilmung des Romans „Das ewige Leben“ im Gespräch. Doch dies wäre wahrscheinlich der letzte Film der Reihe, da Wolf Haas in diesem Roman mit dem Detektiv Brenner abschließt, indem er den Erzähler der Geschichten sterben lässt. Somit würden zwei der sechs Brenner-Krimis unverfilmt bleiben.

Nachdem Wolf Haas wohl keine Lust mehr auf Kriminalgeschichten hatte, veröffentlichte er 2006 einen neuen Roman, welcher rein gar nichts mit Krimis am Hut hat.

„Das Wetter vor 15 Jahren“ ist eine außergewöhnliche Liebesgeschichte, die in Interviewform erzählt wird. Die Rahmenhandlung des Romans bildet das Interview einer deutschen Literaturkritikerin „Literaturbeilage“ mit einem fiktiven „Wolf Haas“ über sein ebenfalls fiktives Buch „Das Wetter vor 15 Jahren“. Durch die Fragen und Diskussionen der beiden erfährt man den Inhalt des fiktiven Buches, welcher somit zur Binnengeschichte des realen Buches wird.

Es fällt mir zwar schwer mich zwischen den Brenner-Krimis für einen Favoriten zu entscheiden, doch unter allen Haas-Veröffentlichungen ist „Das Wetter vor 15 Jahren“ eindeutig mein Lieblingsbuch. Die außergewöhnliche Erzählweise fesselte mich sofort und der verbale Schlagabtausch zwischen der „Literaturbeilage“ und „Wolf Haas“ brachten mich mehrmals zum Schmunzeln. Die Binnengeschichte des Romans ist zwar nicht weniger gelungen, wäre jedoch ohne die Erzählung in Interview-Form nur eine von vielen Liebesgeschichten. Ich finde Wolf Haas hat es durch den durchgehenden Dialog geschafft, seinem Roman das gewisse Etwas zu geben und sich somit einmal seinen Platz unter meinen Lieblingsautoren fixiert.  

Gegenwärtig erweckt ein anderer österreichischer Autor Aufsehen mit einer außergewöhnlichen Liebesgeschichte. David Glattauer hat mit seinem, aus der E-Mail-Korrespondenz zwischen einem Mann und einer Frau bestehenden, Roman „Gut gegen Nordwind“ ein vergleichbares Buch geschrieben. Ich bin jedoch nicht der Meinung, dass diese beiden Geschichten auch nur annähernd in Konkurrenz zueinander stehen, da zwar die Erzählform vergleichbar ist, nicht jedoch ihr Stil. Haas punktet durch seinen Humor, der kaum Kitsch aufkommen lässt, währendem Glattauer sich mit Romantik und Melancholie bewährt.

Inhaltsangabe: Das Wetter vor 15 Jahren

(Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Das_Wetter_vor_15_Jahren)

Für dieses fiktive Buch hat Wolf Haas die Geschichte des deutschen Ingenieurs Vittorio Kowalski recherchiert, der während eines Auftrittes bei Wetten, dass..? für Aufsehen sorgte, als er das Wetter in einem österreichischen Bergdorf für jeden Tag der vergangenen 15 Jahre detailliert beschreiben konnte.

Vittorio Kowalski war als Kind jeden Sommer mit seinen Eltern vom Ruhrgebiet in jenes österreichische Dorf auf Urlaub gefahren und hatte sich mit Anni Bonati, der Tochter des Chefs der lokalen Bergrettung, angefreundet. In dem Sommer, in dem Vittorio und Anni beide 15 Jahre alt sind, kommt es zu einem tragischen Zwischenfall: Die beiden Jugendlichen befinden sich auf einer Wanderung, als sie von einem schweren Gewitter überrascht werden, schaffen es aber, sich in das „Schmugglerlager“, einer Hütte, in der Annis Vater geschmuggelte Güter aufbewahrt, zu retten. Wegen ihrer Erschöpfung nach der Lebensgefahr, der sie entgangen sind oder aber wegen der ersten sexuellen Kontakte, zu denen es möglicherweise in der Hütte kommt, ignorieren sie die Klopfzeichen an der Hüttentür, die von Annis Vater stammen, der ebenfalls in den Bergen unterwegs ist und Zuflucht sucht. Annis Vater kommt deshalb in dem Unwetter ums Leben und die Familie Kowalski reist überstürzt ab und kehrt nie wieder an den Urlaubsort zurück.

Vittorio beginnt daraufhin obsessiv täglich die Wetterdaten jenes österreichischen Bergdorfes zu sammeln und auswendig zu lernen, was letztendlich zu seinem Auftritt bei „Wetten, dass..?“ führt. Nach diesem Auftritt erhält er eine Postkarte von Anni und macht sich sofort auf die Reise nach Österreich. Dort angekommen begreift er, dass es sich bei der Postkarte um eine Fälschung seines Mitarbeiters gehandelt hat und dass Anni im Begriff ist, Vittorios früheren Peiniger Lukki, der mittlerweile Hotelier und Bergrettungschef ist, zu heiraten.

Auf einer einsamen Wanderung, die Vittorio wieder in das Schmugglerlager führt, wird er in der Hütte verschüttet und verbringt mehrere Tage unter der Erde zwischen den Schmugglergütern. Er findet dort alte Briefe, aus denen hervorgeht, dass seine Mutter mit Herrn Bonati jahrelang eine Liebesaffäre hatte. Mithilfe des ebenfalls eingelagerten Sprengstoffes gelingt es Vittorio Kowalski schließlich im Zuge einer waghalsigen Aktion eine Explosion zu verursachen, die ihn zwar noch tiefer verschütten, jedoch auch sicherstellen wird, dass man nach ihm sucht.

Diese Explosion findet genau zu dem Zeitpunkt statt, als in der Kirche im Dorf die Trauung von Anni und Lukki vollzogen wird. Es kommt zu einer Unterbrechung der Zeremonie, Vittorio wird geborgen und mit leichten Verletzungen ins Krankenhaus eingeliefert, doch Lukki kommt im Zuge der Bergungsaktion ums Leben.

Diese Handlung mit all ihren Verstrickungen und Wendepunkten erschließt sich dem Leser des (realen) Romans erst allmählich und achronologisch im Rahmen des Interviews der Redakteurin mit Wolf Haas. Doch auch auf der Ebene des Interviews, das sich über vier Tage hinzieht, lässt sich eine eigenständige Handlung ausmachen, die vor allem in der Beziehung besteht, die sich über die Gespräche über den fiktiven Roman und literaturtheoretische und lebensphilosophische Fragestellungen hinaus zwischen der Redakteurin und dem Autor entwickelt und ganz abrupt mit dem Abschalten des Diktiergerätes endet, kurz nachdem die beiden unvermittelt dazu übergingen, sich vertraulich zu duzen.

Ulrich Seidl

Februar 5, 2009

Zur Person:

Name: Ulrich Seidl

Geboren am: 24. November 1952 in Wien, aufgewachsen in Horn

Filme: Tierische Liebe(‘95), Bilder einer Ausstellung(‘96), Models (‘98), Hundstage (‘01), Zur Lage(‘02), Jesus, Du weißt(‘03), Import Export (‘07)

http://diepresse.com/home/meinung/imsucher/298699/index.do

Ulrich Seidl - die Presse bezeichnet ihn als den „Beobachter Österreichs“- baut seine Filme im Stil von TV-Doku-Dramen auf. Ein inszeniertes Schauspiel soll wie die Realität wirken. Er vermittelt dem Zuschauer das Gefühl er sei ein Beobachter, der das Geschehen aus der Ferne betrachtet. Seidl spielt mit dem Voyeurismus und versteht sich darauf mit verstörenden Bildern zu schockieren. Er verwendet einerseits lange, starre Einstellungen (die jedoch phasenweise auch als langatmig empfunden werden können) und anderseits harte, schnelle Schnitte. Ulrichs Seidls Filme bestehen meistens aus mehreren Handlungssträngen, die sich mit den Geschichten verschiedener Personen befassen. Ein weiterer markanter Punkt an Ulrich Seidls Filmen ist, dass er Schauspieler mit „Nicht-Schauspielern“ (wie er sie nennt) zusammenarbeiten lässt.

Alleine die Beschreibung seines filmischen Stiles, lässt darauf schließen, dass es sich bei Ulrich Seidls Werken um alles andere als leichte Kost handelt. Passend dazu beschäftigt er sich mit Thematiken, die einem nach Konsum des Filmes schwer im Magen liegen. Unangenehm wird die Wirklichkeit, wenn man sie aus Seidls Augen betrachtet.

Ulrich Seidls erster populärer Spielfilm „Hundstage“ erschien 2001. Der Film verknüpft mehrere Handlungsstränge rund um Wien in einer außergewöhnlich heißen Sommerzeit. Der Film gewann den großen Preis der Jury beim Filmfestival in Venedig. Seidl gelingt es in diesem Film, trotz der beklemmenden Handlung manche Szenen so ironisch einzubauen, dass sie schon wieder komisch sind. Beispielsweise kommt immer wieder eine junge Autostopperin vor, die ihre Mitfahrgelegenheiten mit pikanten Fragen, Werbeslogans und Top-Ten-Listen von Supermarktketten, etc. bombardiert. Der Film ist schonungslos und direkt, zwei Eigenschaften, die allgemein auf Ulrich Seidl zutreffen. Er zeigt einerseits Kuriositäten der Großstadt auf (ein Pensionist der jedes Kilogramm-Päckchen Mehl zuhause abwiegt, ob es auch wirklich ein Kilogramm enthält) und andererseits menschliche Grausamkeiten (der Liebhaber und dessen bester Freund, die im Vollrausch die Freundin sexuell belästigen). „Hundstage“ ist sicher kein Film für jeden, er fällt unter die Kategorie „schwere Kost“, ist jedoch sehenswert.

Ulrich Seidls neuester Spielfilm kam im Herbst 2007 in die Kinos. „Import Export“ war im Mai 2007 bei den Filmfestspielen in Cannes nominiert. Die Hauptfiguren des Filmes sind die junge, ukrainische Krankenschwester Olga und der Wiener Pauli. Da Olga in der Ukraine kein Gehalt mehr bekommt, schlägt sie sich nach Wien durch, wo sie schließlich Reinigungskraft in einem Wiener Altenheim wird. Olgas harter Weg und die Respektlosigkeiten, die ihr die Österreicher entgegenbringen, lassen trotz der dokumentarischen Darstellungsweise keinen kalt. Pauli war Security-Mann, verliert jedoch seinen Job nachdem er zusammengeschlagen wird. Daraufhin wartet er gemeinsam mit seinem Stiefvater Kaugummiautomaten in der Slowakei und der Ukraine. Realistisch aber grausam stellt Seidl die Verhältnisse in den beiden Staaten dar. Am aufwühlendsten fand ich eine Szene gegen Ende des Films, in der Paulis Stiefvater sich daran ergötzt, eine ukrainische Prostituierte zu demütigen, in dem er sie wie einen Hund behandelt. Der Film ist etwas zu lang, was an den langen Einstellungen, die zu Seidls Stilmittel gehören, liegt. Am Ende ist man froh, wieder ins eigene Leben zurückzukehren, man schätzt, wie gut es einem geht. Import Export ist sicher kein Film, den man sich zweimal hintereinander ansieht, denn man braucht Zeit um den Film zu „verdauen“. Jedoch ist Import Export ist ein äußerst sehenswerter Film, dem es trotz seiner wortkargen Art und Weise gelingt, viel zu vermitteln. Der Film liegt im Magen. Aber es lohnt sich.

Ich bin auf Ulrich Seidl aufmerksam geworden, da ich mich allgemein sehr für den Österreichischen Film interessiere. Somit habe ich mitverfolgt, dass „Import Export“ in Cannes nominiert wurde. Als der Film dann ein halbes Jahr später in den österreichischen Kinos lief, habe ich ihn mir angesehen. Kurze Zeit später hab ich „Hundstage“ auf DVD gesehen.

Aktuell produziert Ulrich Seidl zwei neue Filme: „Paradies“ (Produktionszeitraum: Februar 2009 – Sommer 2010) und „Im Keller“ (Drehzeitraum: Dezember 2008 – Februar 20